Wunder-Protokolle gab und gibt es überall, in jeder Kultur und in jeder Religion.
Psychologen wundert diese Allgegenwärtigkeit überhaupt nicht. Denn: In einer Welt,
in der am Ende immer und unausweichlich der Tod wartet, braucht der Mensch offenbar
den Glauben an die Möglichkeit eines allen Erfahrungen und Unausweichlichkeiten
widersprechenden Eingreifens höherer Mächte. Der berühmte Theologe und Urwalddoktor
Albert Schweitzer schmückte den Wunderbegriff mit dem doppeldeutigen Attribut
»übervernünftig«. Er unterschied zwischen der Vernunft des Kopfes und der
Vernunft des Herzens.
In der Grauzone der Mirakel-Theorie zeichnen sich vier Hauptkategorien ab:
Errettungswunder, Heilungswunder, Erlösungswunder und Schöpfungswunder.
Das wirklich Wunderbare am Wunder: Viele »übernatürliche« Ereignisse haben eine
natürliche und menschliche Variante. So gehören zur Kategorie der Erlösungswunder
beispielsweise unerwartete Regenfälle nach langen Dürreperioden
(ein Klassiker in Agrarkulturen).
Gerade unter den wirklich bedeutenden Naturwissenschaftlern hat sich längst eine
sympathisierende Toleranz gegenüber den verschiedenen Formen des Wunderglaubens
durchgesetzt. Viele von ihnen bekennen freimütig, dass ihr Wissen schnell an Grenzen
stößt, wenn sie sich mit den großen Schöpfungswundern auseinandersetzen. So kann mit
dem Begriff »Urknall« eines der aufregendsten Welträtsel zwar umschrieben, aber
nicht erklärt werden.
Jahrhundertelang beriefen sich Wunder-Gegner auf die enggliedrige Kette der Kausalität,
die kein Ereignis ohne erkennbare Ursache zulässt. Als im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts
Forscher in den subatomaren Bereich vorstießen, war dieses Argument plötzlich nicht mehr
stichhaltig. 1927 schrieb der berühmte Physiker und spätere Nobelpreisträger
Werner Heisenberg: »Durch die Quantenmechanik ist die Ungültigkeit des Kausalgesetzes
definitiv festgestellt.« Sir Arthur Stanley Eddington, Astrophysiker von Weltrang, folgerte
couragiert: »Auf Grund des vertieften Einblicks in die Naturgesetzlichkeit, den wir heute haben,
können wir heute das Eintreten eines Wunders nicht ausschließen.«
Die Metropole der Heilungswunder liegt im französischen Département Hautes-Pyrénées.
Der Wallfahrtsort Lourdes lebt von den bis zu fünf Millionen Pilgern, die jährlich den
Segen der heiligen Bernadette erflehen und auf ein medizinisches Wunder hoffen. Seit
1858 sollen hier über 4000 Menschen auf mirakulöse Weise von ihren Gebrechen befreit worden sein.
Die überwiegende Mehrzahl der Mediziner will Wunderheilungen nicht wahrhaben. Die meisten
von ihnen sprechen sogar die eher spröde Vokabel »Spontanheilung« nur mit gespitzten Lippen
aus – dabei sind plötzliche, unerwartete und mit den Kenntnissen der Schulmedizin nicht zu
erklärende Heilungen vermeintlich »hoffnungsloser Fälle« mittlerweile vielfach belegt.
Eine Erkenntnis von Albert Einstein erklärt das Dilemma der Schulmedizin: »Es ist das Ziel
eines jeden Intellekts, ein Wunder in etwas zu verwandeln, das man begreifen kann.«
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